"pappsatt"
- rauminstallation von jyrg munter
und peter clouth
| pappsatt |
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Zwei Konzepte, zusammengepappt in einer Augen und Ohren beeindruckenden Rauminstallation von Peter Clouth und Jyrg Munter, zeigen menschliches Leben ausgeschnitten aus Wellpappe.Ein banales, anspruchloses Material erfährt seine künstlerische Nobilitierung. Szenen des alltäglichen Lebens, fixiert in Kartonage, bedecken die Wände. An der Decke scheinen die in Pappe geschnittenen, symmetrischen Muster, ähnlich den Stukkaturen des 19. Jahrhunderts, auf die immer wiederkehrenden Tätigkeiten des Alltags zu verweisen. Eine handbreit vor die geweisste Wand fixiert zeigt Peter Clouth eine Küchenidylle mit Herd, Dunstabzugshaube, Spülbecken, gefliestem Küchenspiegel und wohlgefülltem Kühlschrank. Doch die traute Szene trügt. Auf dem Herd quillt der Brei über, fließt hinab auf dem Boden, wo er sich in der Mitte des Raumes zu futuristischen Gebilden, welche an Architekturmodelle erinnern, auftürmt. Im Backofen gart ein alter Schuh, in Analogie zu Charly Chaplins Film "Goldrausch". Hier liegen Reichtum und Armut nah beieinander. Haie bevölkern das Spülbecken. Wie ätzende Chemie haben sie die Cleanophilie der Hausfrau mit zerfressenen Händen bestraft. In ihrer Handprothese hält sie eine Flasche und schluckt, den Kopf in den Nacken gelegt, gierig einen Mother's little helper drink. Die Gitterstruktur der gefliesten Wandfläche läßt die Küche zum Gefängnis werden und längst haben Ratten das Terrain für sich okkupiert. In den Simultanbildern von Peter Clouth verschmelzen menschliche Gestalten bei der Arbeit mit Bildfetzen aus Filmen und Assoziationen zu Musik, daneben stehen Fernseher und Satellitenantenne als Symbole eines ständig anwachsenden Informationsüberflusses. Mann und Frau spielen die ihnen konventionell zugeordneten Rollen. Aufmerksamkeit, Zuneigung und menschliche Wärme existieren nur noch in der Beziehung zum Hund, dem vermeintlich treuesten Freund des Menschen. Peter Clouth versammelt gesellschaftlich-kulturelle Erinnerungszeichen der Gegenwart als Verweis auf die Vernetzung der Menschen in Arbeit, Freizeit und alltäglichen Notwendigkeiten. |
Der Mensch im Zwangskorsett der Konsum- und Wohlstandsgesellschaft ist papp-satt und hat genug von allem. Jyrg Munter läßt das Wellpappenhaus durch die in Pappe gestochenen Liebesszenen zum Wellnesshaus werden. Die zitierten Vorlagen reichen von der griechischen Vasenmalerei bis Urs Lüthi, und zeigen die Liebe als zeitloses Beispiel für positive, zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Möglichkeit, aus der Zwangsjacke der Überflußgesellschaft zu entfliehen. Oder geht es lediglich um den Austausch von Körpersäften? Popp-Saft anstelle von papp-satt? Jyrg Munter visualisiert Sexualität auf sprachlicher und Bildnerischer Ebene. Spielerisch verschleiert er die unmittelbare Verständlichkeit der aufgezeichneten Wörter durch eine phonetische Schreibweise. Die bildnerischen Vorlagen werden verfremdet, indem die Umrisse der Figuren in die Pappe gestochen wie Sternbilder erscheinen. Der Liebesakt als kosmisches Ereignis göttlicher Empfindungen. Großformatige Liebesknochen wirken wie Säulen der menschlichen Gesellschaft. Aber Liebe kann auch verletzten, kann bloßlegen oder einschneidende Erlebnisse bewirken. In der künstlerischen Umsetzung wird die Oberfläche der Pappe zur Haut eines menschlichen Körpers. Die Verletzungen werden sichtbar und körperlich nachvollziehbar durch Einstiche und -schnitte, durch Decollage und Ausreißungen. Jyrg Munter spielt mit der Assoziationsfähigkeit des Betrachters und reizt dessen Phantasie. Papp-satt zeigt das Leben im Pappkarton, im Kasten von der Wiege bis zur Bahre. Und wie in Platons Höhlengleichnis, in dem die Realität des Menschen nur eine Widerspiegelung der Welt der Ideen ist, führt Licht zu Schattenbildungen der ausgeschnittenen Formen auf den dahinter befindlichen Wänden. Vielleicht ließe sich in dieser Wiederspieglung eines Kunstwerkes, das seinerseits eine künstlerische transponierte Fassung der realen Welt ist, durch die doppelte Brechung der Wirklichkeit die wahre Welt der Ideen wiederfinden. Thilo Tuchscherer |
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