michael valentine glück
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Michael Valentin Glück, Architekt, Dortmund / Cailla (Fr.), anlässlich der Eröffnung der Ausstellung in der städtischen Gallerie Torhaus Rombergpark am 27. juli in Dortmund:

Guten Morgen. Ich hatte anfangs einen ganz gut komprimierten Text mit ein paar zentralen Aussagen. Diesen Kerntext habe ich mit einfacheren und flacheren Textteilen und Zitaten umspielt und gedehnt.
Die Ausdehnung der Stadt ins Land nennt man den Sprawl. Um in die Innenstadt zu gelangen, durchfährt man kilometerlang den Sprawl, der inzwischen allen Städten gleichförmig vorgelagert ist. Die Sprawls der Städte ähneln sich so sehr, daß man an ihnen die dazugehörige Stadt nicht mehr erkennen kann. Die Städte jedoch, innen, sind restauriert und zurechtgemacht, mit architektonischen und städtebaulichen Highlights versehen, für eine bessere Wiedererkennung und Erinnerung, für eine eigene Identität.
Afrikanische und südamerikanische Städte wachsen außen, an den Rändern, durch Armut. Die alte europäische Stadt wächst heute meist von innen, durch Geld. Chinesische Städte wachsen noch schneller als nordamerikanische Städte.
Das ist der große Maßstab. Der kleine Maßstab ist der einzelne Bewohner der Stadt. Der Mensch, der seit Jahren in seiner Stadt lebt, in seinem Viertel, seinem Quartier, seiner Straße, seiner Wohnung, seinem Haus. Der Mensch, der sein Treppenhaus benutzt, seine Haustür schließt, seinen Briefkasten leert, seine Wohnungstür öffnet, seinen Nachbarn trifft, seinen Frisör aufsucht, seinen Einkaufswagen schiebt, seinen Parkplatz sucht, seinen Nachhauseweg antritt, seinen Hund Gassi führt, in seinem Park die Enten füttert, der einmal um den Block geht.
Es gibt 3.000 bis 4.000 unbeantwortete Fragen in diesem Zusammenhang. Zwei davon lauten:
Wie stark wird dieser Mensch durch die Architektur seiner Stadt beeinflußt?
Wie stark beeinflußt dieser Mensch die Architektur seiner Stadt?
Der soziologische steht dem ästhetischen Aspekt der Architektur fast diametral gegenüber:
Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper.
Der Architekt entwickelt und baut Modelle seiner Konzepte und Entwürfe, meist um sich selbst und anderen bestimmte Entwurfsschritte zu verdeutlichen.
Das hier ist keine Architektur. Das ist umgekehrte Architektur. Anti?Architektur.
Eine Art Gegenarchitektur also? Nein.
Eher schon innere Architektur oder Negativ?Architektur. Also doch Architektur? Nein.
Es erscheint wie Architektur, ist es aber nicht.
Aus verschiedenerlei Gründen.
Zum Beispiel weil es keiner bauen will. Das hier hat so niemand in Auftrag gegeben. Das sind nicht die Ergebnisse sozialer Studien. Das sind keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die in stadtplanerischen Konzepten gipfeln, das sind keine Wettbewerbsbeiträge, keine Utopien, keine Visionen, keine Kompromisse, keine Stufenpläne, Realisierungsvorhaben, da gab es keine Planfeststellungsverfahren, keine Bebauungspläne, keine Gestaltsatzungen und keine Bauvoranfragen, ja, noch nicht einmal Bürgerbefragungen.
Keine Metropole, keine Stadt, das hier sind doch keine Quartiere, Wohngebiete, Mischgebiete, Kerngebiete. Noch nicht mal Abbildungen solcher. Oder doch?
Sind das Miniaturen von Häusern, Wohnvierteln, sind das Ideen für die reale Welt, für eine bestimmte Stadt, für eine bestimmte soziale Schicht, das dort etwa eine Villenlandschaft für die Reichen, hier Mietshäuser für die Armen? Nein, auch wenn es Ihnen so im ersten Eindruck erscheinen mag, das ist es alles nicht.
Und hier fährt auch nicht gleich eine HO-Dampflok durch. Und hier spielen auch keine Kinder mit Bauklötzen. Und haben das auch nie getan. Und hier wird auch nicht mehr probiert, modelliert und abstrahiert. Das hier ist kein Modell, kein Städtebau, kein Planungsgebiet, keine Bauaufgabe. Das hier ist nicht das Ende einer Überlegung, das Ergebnis einer Studie, eines entwerferischen Tuns, eines architektonischen und städtebaulichen Denkens.
Und doch, das alles hier hat Hand und Fuß. Es ist geordnet, genordet, gewollt. Es hat Struktur, Form, Material, Farbe. Es ist ausgewählt, zusammengesetzt, gebaut und gemacht, es gibt Beziehungen, Achsen, Details, Situationen und Zusammenhänge.
Und sie haben Namen für diese Phänomene hier:
Die koreanische Siedlung,
die Stadt am Draht
die Satellitenstadt und Satellitenschüsselstadt
Der Hafen
Resortcity 234 (die Reservestadt)
Tabletown und East and West ChairCity
Die Medienfassade
Wenn schon, dann ist es vielleicht also eine ganz besondere Art des googlestreetview?
Ein Bild:
Die Vertiefung
Eine getrocknete Pfütze im Lehm. Sie ist Zeuge des Regens, sie formt das Wasser. Sie ist nicht Regen. Sie ist nicht Wasser. Sie ist nicht Lehm. Sie ist nicht das Abbild des Regens. Sie ist Gegenwart, sie hat Geschichte und Zukunft. Sie bleibt Gefäß, für den nächsten Regen.
Jahrzehntelange Erfahrung dreier Leben in den Städten.
Verdichtete, geschichtete, geordnete, gefühlte Stadtwirklichkeit. Soziologisch, phänomenologisch, geschichtlich, persönlich geliebte, gefärbte, verfremdete, vernetzte, verklebte und verschrumpelte Stadt.
Wir lieben die Stadt. In der Stadt verdichtet sich Kultur. Stadtluft macht frei. In der Stadt bin ich anonym. Spielort Stadt.
Es handelt sich hier um die umgestülpte Stadtraumzeit. Das Negativ, der Abdruck, oder besser, der Klang, das Echo der gelebten, erlebten und erfahrenen Stadt. Die Form Stadt, das Gefäß Bewußtsein, der Inhalt Leben.

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